Warum unsere Weihnachts- und Christkindlmärkte bleiben dürfen, wie sie sind
Ich lebe in Mitteleuropa, genauer gesagt pendle ich zwischen Deutschland und Österreich, zwischen zwei Ländern, die mir mit ihren Lichtern, Düften und Ritualen jedes Jahr aufs Neue das Gefühl schenken, heimzukommen. Und vielleicht berührt mich gerade deshalb die Frage, ob wir unsere Weihnachts- und Christkindlmärkte umbenennen sollten, jedes Mal aufs Tiefste.

Denn ich spüre es ganz deutlich: Es gibt keinen Grund. Nicht einen einzigen. Weihnachten ist mehr als ein Wort. Es ist Erinnerung, nicht nur Religion. Wenn ich über einen Christkindlmarkt gehe, fühle ich nicht zuerst Theologie.
Ich fühle Kindheit.
Ich rieche gebrannte Mandeln, ich sehe rote Wangen, ich höre ein Lachen, das aus einer Zeit stammt, in der alles noch etwas einfacher war.
Weihnachten ist hier bei uns nicht nur ein Fest des Glaubens, sondern ein Fest des Herzens.
Ein Stück Identität, das Menschen über Generationen miteinander geteilt haben, unabhängig davon, wie gläubig sie sind oder ob sie es überhaupt sind. Diese Tradition darf man nicht einfach weichspülen, nur weil jemand Angst hat, sie könnte anderen zu viel sein. Denn wenn wir beginnen, unsere eigenen Feste zu neutralisieren, verlieren wir etwas, das viel kostbarer ist als ein Begriff: unser gemeinsames Leuchten.
Traditionen schützen bedeutet nicht, andere auszuschließen, sondern sich selbst zu kennen.
Es gibt Momente, in denen eine Gesellschaft entscheiden muss, ob sie sich selbst zurücknimmt oder zu dem steht, was sie über Jahrhunderte geformt hat. Kulturelle Offenheit bedeutet nicht, das Eigene kleinzumachen. Offenheit heißt, das Eigene selbstbewusst zu leben und gleichzeitig Platz für Neues zu lassen. Aber Platz entsteht nicht, indem man seine Wurzeln abschneidet. Sondern indem man sie zeigt. Wenn ich in ein anderes Land gehe, würde ich niemals erwarten, dass dort Feste, Symbole oder Namen geändert werden, damit ich mich wohler fühle. Ich würde ihnen mit Respekt begegnen, weil ich dort Gast wäre.
Genauso wenig würde Frankreich seine Fêtes de la Lumière umbenennen, nur damit Besucher sich weniger fremd fühlen. Island würde seine Jahrhunderte alten Jolabräuche nicht sprachlich glätten, weil jemand die Wörter nicht kennt. Georgien würde seine tiefverwurzelten Neujahrsbräuche nicht entschärfen, um sie neutraler wirken zu lassen. Griechenland würde das orthodoxe Osterfeuer nicht in ein unverbindliches „Frühlingslicht“ verwandeln. Und Mexiko würde den Día de los Muertos niemals in eine harmlose „Erinnerungsfeier“ umbenennen. Warum? Weil Kultur erkennbar bleiben muss, damit sie lebt. Gerade das Unveränderte lädt ein, entdeckt zu werden.
Ein Gast begegnet der Kultur, in die er kommt, immer zuerst mit Respekt, nicht mit dem Anspruch, sie müsse sich für ihn verbiegen. Integration beginnt mit Respekt, nicht mit Verzicht Ich glaube fest daran, dass Integration eine Bringschuld ist. Eine Einladung kann man aussprechen, aber angenommen werden muss sie von denjenigen, die kommen.
Und sie wird nicht angenommen, indem wir unsere Traditionen verstecken oder neutralisieren. Unsere Weihnachtsmärkte heißen Weihnachtsmärkte. Unsere Christkindlmärkte heißen Christkindlmärkte. Weil sie Teil unserer Geschichte sind und wir dürfen das aussprechen, ohne rot zu werden. Politisch gesehen ist das keine Abschottung, sondern ein Signal der Klarheit. Ein Land, das seine Wurzeln zeigt, ist kein hartes Land. Es ist ein verlässliches Land.
Eines, das Orientierung gibt – jenen, die schon lange hier leben, und jenen, die neu dazu kommen. Wer seine Wurzeln verliert, verliert auch sein Leuchten. Wir leben in einer Zeit, in der Identität plötzlich wie etwas Gefährliches wirkt. Doch Identität ist nichts Bedrohliches. Sie ist ein Licht. Sie zeigt, woher wir kommen, und sie gibt uns Halt. Wenn wir dieses Licht dimmen, verlieren wir nicht nur Tradition, wir verlieren Orientierung.
Ich möchte, dass mein Enkel einmal über einen Christkindlmarkt geht und weiß:
Das ist Europa. Das sind wir.
Nicht, weil andere ausgeschlossen wären, sondern weil wir uns nicht selbst ausradieren. Deshalb glaube ich daran, dass unsere Länder stark genug sind, ihre Werte zu zeigen. Ich glaube daran, dass Tradition nicht trennt, sondern verbindet. Und ich glaube daran, dass echte Gastfreundschaft niemals verlangt, das Eigene zu verleugnen. Unsere Weihnachts- und Christkindlmärkte brauchen keine neuen Namen. Sie brauchen Menschen, die ihr Leuchten verstehen und bewahren.
Nicht aus Trotz, sondern aus Liebe. Aus Dankbarkeit. Aus Respekt.
Feste des Lichtes.
Feste der Wärme.
Feste der Erinnerung.
Feste unserer Kultur.
Cerstin Rapske