Die Mondhüterin Elira – Das Geheimnis der geraupten Erinnerung

Elira, die Mondhüterin, lebt in einer Welt, in der der Mond über uralte Geheimnisse wacht und die Magie noch immer zwischen den Bäumen flüstert. Doch auch ihre eigene Vergangenheit birgt Rätsel, deren Bedeutung sie erst nach und nach zu begreifen beginnt.
Vor ihr liegt eine außergewöhnliche Reise, auf der Erinnerungen erwachen, verborgene Wahrheiten ans Licht drängen und vergessene Spuren sie immer tiefer in eine Welt voller Geheimnisse führen. Alte Magie, unerwartete Begegnungen und dunkle Fragen begleiten sie auf einem Weg, der mehr offenbaren wird, als sie jemals geahnt hätte.
Welche Geheimnisse trägt Elira in sich? Was verbindet sie mit einer Vergangenheit, deren Spuren die Zeit beinahe ausgelöscht hat?
Und welche Wahrheit wartet darauf, endlich wiederentdeckt zu werden?
Die Mondhüterin Elira, Das Geheimnis der geraubten Erinnerung entführt in eine fantastische Welt voller Magie, rätselhafter Geheimnisse, tiefer Verbundenheit und Abenteuer, deren Ausgang noch im Verborgenen liegt.
Das dunkle Fenster
Die erste Geschichte aus Eliras Welt
Es gibt Nächte, in denen der Wald nicht schweigt.
Er atmet.
Er lauscht.
Und er ruft.
In dieser Nacht war es nicht der Mond, der mich aus meinem Haus lockte. Es war dieses Ziehen in meiner Brust, das ich seit Wochen nicht mehr loswurde. Jedes Mal, wenn ich an das Schloss dachte, stand vor meinem inneren Blick dieses eine dunkle Fenster. Neun Fenster leuchteten über dem Tal, warm und golden, als würde dort Leben wohnen. Nur eines blieb schwarz.
Ausgerechnet dieses eine.

Ich wusste nicht, was mich daran band. Ich wusste nur, dass ich den Ruf nicht länger überhören konnte.
Mit meinem Stab in der Hand trat ich auf den alten Steinweg. Kleine Lichter flackerten zu beiden Seiten auf, als hätten sie nur auf mich gewartet. Der Wind strich durch die Bäume, und tief unter mir rauschte das Wasser durch die Felsen. Vor mir lag die Brücke, und dahinter erhob sich das Schloss in seiner ganzen stillen Macht.
Neun Fenster leuchteten.
Eines war dunkel.
Mein Blick hing daran, als würde dort etwas auf mich warten. Mit jedem Schritt wurde das Ziehen stärker. Es war keine Angst. Eher ein Drängen. Etwas in mir wollte dorthin, wollte sehen, wollte wissen. Ich ging weiter, bis ich das Tor erreichte. Es stand offen.
Das allein hätte mich schon warnen müssen.
Im Inneren war es still. Keine Stimmen. Keine Schritte. Kein Flüstern. Nur meine eigenen Atemzüge und das matte Klingen meines Anhängers, wenn ich mich bewegte. Die goldenen Fenster warfen ihr Licht auf die alten Wände, doch der Gang zum dunklen Turm lag fast ganz im Schatten.
Genau dorthin zog es mich.
Ich stieg die enge Wendeltreppe hinauf. Stufe für Stufe. Meine Hand glitt über das kalte Mauerwerk. Je höher ich kam, desto kälter wurde die Luft.
Oben angekommen, stand ich vor einer schweren Tür aus schwarzem Holz. Kein Griff. Kein Schloss. Nur eine feine, silbrige Linie in der Mitte, als hätte die Tür auf mich gewartet.
Als ich meine Hand dagegenlegte, sprang sie lautlos auf.
Der Raum dahinter war rund und leer, bis auf das hohe, dunkle Fenster, das ich schon von unten gesehen hatte. Der Raum lag in einem seltsamen, gedämpften Schein, als würde die Magie selbst noch in den alten Steinen atmen. Und dort, in diesem bläulich-silbernen Schimmer, lag er.
Ein Wolf.
Groß. Regungslos.
Sein Fell war dunkel wie Nachtstein, durchzogen von einem geheimnisvollen blauen Schimmer. An Hals und Rücken schimmerte es silbern, als hätte der Mond selbst ihn berührt.
Um eines seiner Vorderbeine lag eine Kette aus blassem Metall, dünn wie Schmuck und doch schwerer als Eisen. In dem Moment, als ich ihn sah, hob er den Kopf.
Seine Augen trafen meine.
Bernsteinfarben. Wach. Alt.
Ich weiß nicht, warum ich nicht zurückwich. Jeder andere hätte Angst gehabt. Ich nicht. In mir war nur dieses seltsame Erkennen, als hätte ich ihn längst gekannt, ohne je vor ihm gestanden zu haben.
„Du hast lange gebraucht“, sagte eine Stimme.
Ich fuhr zusammen, doch seine Schnauze hatte sich nicht bewegt.
Da begriff ich: Ich hörte ihn nicht mit den Ohren.
Ich hörte ihn in mir.
„Du … sprichst?“
Sein Blick blieb ruhig.
„Nicht in deiner Welt. Nur dort, wo der Zauber alt genug ist, um Wahrheit nicht mehr verstecken zu müssen.“
Langsam trat ich näher. Die Kette um sein Bein glomm matt im Mondlicht.
„Warum bist du hier eingesperrt?“
Der Wolf hob den Kopf ein wenig höher.
„Weil ich einst an deiner Seite ging.“
Ein Schauder rann mir über den Rücken.
Ich wollte antworten, doch kein Wort kam über meine Lippen.
Er sah mich an, als läse er jeden Gedanken in meinem Gesicht.
„Bevor man dich in die Menschenwelt schickte, warst du nicht allein. Ich war dein Wächter, dein Begleiter, dein Schatten auf allen Wegen. Als die Mächte des Schlosses auseinanderbrachen, hat man mich hier gebunden. Und dich hat man alles vergessen lassen.“
Ich stand da wie versteinert.
Vergessen.
Darum also dieses Ziehen. Darum dieses Gefühl, dass das dunkle Fenster meinen Namen kannte. Nicht das Schloss hatte mich gerufen.
Er hatte es.
Ich kniete mich vor ihn. Die Kette wirkte schmal, beinahe harmlos. Doch als ich sie berührte, schoss ein kalter Schmerz durch meine Hand. Ein Bann. Alt, stark und voller Bitterkeit.
„Wie löse ich das?“
Der Wolf senkte den Kopf.
„Nur durch Erinnerung.“
„Ich erinnere mich an nichts.“
„Dann erinnere dich mit dem Herzen.“
Ich schloss die Augen.
Erst war da nur Dunkelheit. Dann ein Windstoß. Das Rauschen von Blättern. Das Echo leichter Schritte. Und plötzlich Bilder, zersplittert und doch lebendig: ich, jünger, lachend im Mondlicht. Meine Hand in dichtem Fell. Gelbe Augen an meiner Seite. Ein gemeinsamer Lauf durch Wälder, die noch keinen Namen trugen. Ein Schwur am Wasser. Schutz gegen Treue. Treue gegen Licht.
Als ich die Augen wieder öffnete, liefen mir Tränen über die Wangen, ohne dass ich es bemerkt hatte.
„Ich kenne dich“, flüsterte ich.
Zum ersten Mal veränderte sich sein Blick.
Er wurde weich.
Ich hob meinen Stab, legte die freie Hand auf die Kette und sprach kein mächtiges Zauberwort. Ich sagte nur seinen Namen.
„Skiorr.“
In demselben Augenblick zerfiel das blasse Metall zu schimmerndem Staub. Ein Windstoß fuhr durch den Turm, riss mir die Kapuze vom Kopf und stieß das dunkle Fenster weit auf. Kalte Nachtluft strömte herein, und für einen Atemzug schien der ganze Raum von einem silbrig-blauen Zauber erfüllt.
Der Wolf erhob sich.
Groß, stolz, ungebrochen.
Er trat auf mich zu und legte seinen Kopf an meine Schulter. Da war keine Furcht in mir, kein Zögern, nur dieses tiefe Erkennen, das älter war als Erinnerung. Etwas, das verloren schien, war in seine Wahrheit zurückgekehrt.
„Jetzt weißt du wieder, wer ich bin“, klang seine Stimme in mir.
Ich strich durch sein Fell, langsam, als wollte ich mich vergewissern, dass er wirklich da war.
„Nein“, flüsterte ich. „Jetzt weiß ich wieder, wer ich selbst gewesen bin.“

Er trat an meine Seite, und gemeinsam blickten wir in die Nacht. Hinter uns leuchteten die neun Fenster des Schlosses, warm und golden, während das dunkle Fenster nun offenstand wie ein Tor, das nur auf mich gewartet hatte.
Der Weg lag im Mondlicht, still und klar.
Der Wald schwieg nicht mehr.
Er kannte mich.
Und ich wusste in diesem Augenblick, dass ich nicht nur ein Geheimnis gefunden hatte.
Ich hatte meinen Weggefährten zurückgeholt.
Skiorr war frei.
Und mit ihm begann mein wahrer Weg.
Cerstin Rapske